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Archivale des Monats

Die Pogromnacht am 9./10. November 1938 in Nienburg in zwei Dokumenten des Stadt- und Kreisarchivs

Archivale des MonatsStadt- und Kreisarchiv Nienburg

Der Verlauf jener Nacht in Nienburg lässt sich anhand von mündlichen Berichten und weniger schriftlicher Belege rekonstruieren. Zwei der Schriftstücke aus dem Stadt- und Kreisarchiv Nienburg werden an dieser Stelle präsentiert: ein Foto der Synagoge vor 1933 und der Bericht der SA über die Pogromnacht.

In der Hauptsache SA-Männer erklommen gegen Morgen des 10. November 1938 das Dach der Synagoge am Schloßplatz, warfen die Dachpfannen und -balken in den Hof herunter und rissen Stück für Stück das Gotteshaus ab. Die Synagoge war nicht in Brand gesteckt worden, aus der Befürchtung heraus, die angrenzenden Gebäude zu gefährden. Die einzelnen Gebäudeteile und das Inventar wurden in Schubkarren geladen und auf den benachbarten Schloßplatz transportiert. Dort waren zwei Feuerstellen entzündet worden, in die die Einzelteile geworfen wurden. Der Leichenwagen der jüdischen Gemeinde wurde ebenfalls verbrannt und der jüdische Friedhof geschändet.

Am Tage nach der Pogromnacht durchsuchten, unter dem Vorwand, Waffen sicherstellen zu wollen, Männer der SA-Standarte 74 die Häuser der jüdischen Nienburger und Nienburgerinnen. Erhalten ist der Bericht der SA Standarte 74 an den Führer der SA-Gruppe Nordsee, Bremen. Aufgefundenes Bargeld, Wertpapiere, Schmuck und andere Gegenstände wurden beschlagnahmt, genauso die Sparkassenbücher. Der größte Teil der entwendeten Summen wurde als „Sühnebetrag“ einbehalten. Auf Geheiß der Gestapo wies der Landrat die SA-Standarte 74 an, das beschlagnahmte Archivmaterial der Synagogengemeinde der Polizei abzuliefern. Es wurde gezielt nach schriftlichen Unterlagen wie Geburts-, Heirats- oder Sterberegistern gefahndet.

Für das Wegräumen des Schuttes der abgerissenen Synagoge Tage später erbat Bürgermeister Beims von der SA-Standarte 74 die Summe von 700 RM aus dem beschlagnahmten Vermögen.

Im Zusammenhang mit dem Pogrom wurden im gesamten Reichsgebiet 30.000 Menschen inhaftiert, mehrere Hundert wurden ermordet oder nahmen sich das Leben, Tausende kehrten schwer verletzt und seelisch traumatisiert nach Hause zurück. 1400 Synagogen wurden zerstört, unzählige Geschäfte, Wohnhäuser oder Wohnungen geplündert und verwüstet. 1 Milliarde Reichsmark musste die jüdische Gemeinschaft als „Sühne“ bezahlen und die entstandenen Schäden in Zusammenhang mit dem Pogrom begleichen, ohne die Versicherung in Anspruch nehmen zu können. Diese Versicherungszahlungen kassierte der Staat - geschätzte 45 Millionen Reichsmark.

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