Inhalt: Elf neue Stolpersteine in Stolzenau verlegt

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Elf neue Stolpersteine in Stolzenau verlegt

Elf neue Stolpersteine sind seit gestern auf den Straßen im Ortskern von Stolzenau zu finden. Verlegt wurden sie bei einem rund zweistündigen Rundgangs von dem Künstler Gunter Demnig aus Frechen in Nordrhein- Westfalen. Initiiert wurde die Verlegung durch den Heimatverein „Wir Stolzenauer“, der das Projekt im November 2013 vom Gymnasium Stolzenau übernommen hat.

Elf neue Stolpersteine in Stolzenau verlegtDie Harke

Bei der Verlegung waren neben zahlreichen Bürgern auch viele Vertreter der Gemeinde Stolzenau, der Samtgemeinde Mittelweser, der CDU-Landtagsabgeordnete Karsten Heineking und die Bundestagsabgeordnete Katja Keul (Die Grünen).

Geleitet wurde die Führung von den beiden Gästeführerinnen Inge Branding und Christa Weisweber, für die musikalische Untermalung sorgte der Musiker Florian Himpel mit Klarinette und Saxofon. Im Jahr 1992 begann Demnig sein Gedenkprojekt. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln aus Messing soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Sie werden meistens vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer in das Pflaster beziehungsweise in den Belag des Gehweges eingelassen. Mehr als 66 000 Steine in 1099 Orten und 20 Ländern Europas wurden von Demnig inzwischen verlegt – und sind damit das größte dezentrale NS-Mahnmal der Welt.

„Als das Gymnasium Stolzenau im Jahre 2014 auf den Bürger- und Heimatverein zukam und fragte, ob der Verein das seinerzeit mit der Verlegung von acht Stolpersteinen in Stolzenau begonnene Projekt fortführen wolle, war die Meinung des Bürger- und Heimatvereins hierzu ganz einhellig. So etwas, was sich während der NS-Zeit mit der Vertreibung und Ermordung von Millionen Juden ereignet hat, darf sich nicht wiederholen“, sagte der Vorsitzende Hans-Jürgen Rudolph in seiner Begrüßungsrede. Der erste von elf Stolpersteinen wurde vor dem Haus an der Weserstraße 4 im Gedenken an Semmy Goldschmidt verlegt, der 1882 in Stolzenau geboren wurde in diesem Haus aufwuchs. Goldschmidt lebte nach seiner Jugend als erfolgreicher Geschäftsmann in Berlin und besaß ein Geschäft in der eleganten Straße „Unter den Linden“.

„Ab 1933 litt sein Geschäft unter dem Druck der Nazis, und er beschloss, Deutschland zu verlassen. Im Februar 1939 floh er in die Niederlande“, ließ Norman Streat aus Vancouver/Kanada schriftlich mitteilen. Er habe seinen Großonkel nicht mehr persönlich kennengelernt ,aber viel über ihn gehört. „Er dachte, dass er in den Niederlanden sicher sei, aber leider war er das nicht“, Streat. Am 19. Oktober 1944 wurde Semmy Goldschmidt nach Ausschwitz deportiertund zwei Tage später in den Gaskammern ermordet. Neben dem neuen Stolperstein finden sich zwei weitere, die 2013 verlegt wurden – für Anni und Sara Goldschmidt. Zur Verlegung der Stolpersteine für Carl, Ernst, Frieda; Gerda und Rosa Löwenstein an der Langen Straße 17 sprach Bernardo Löwenstein aus Hannover persönliche Worte.

„Stolzenau ist von großer Bedeutung für meine Familie und mich, die Löwensteins. Wohl 1747 begann mit der Geburt von Jacob Levy Löwenstein die Geschichte der Stolzenauer Löwensteins“, sagte er. Als einziger in Deutschland wohl lebender Nachfahre der Stolzenauer Löwensteins sei es ihm eine Ehre heute sprechen zu dürfen. „Dieses Jahr habe ich weitere Verwandte, nach langer Suche, in Philadelphia in den USA wiedergefunden, die nächstes Jahr nach Stolzenau kommen möchten. Dem Ort, wo alles begann“, erzählte Löwenstein. Er betonte zudem die Bedeutung der Stolpersteine für die Erinnerungskultur: „Stolpersteinen begegnet man im täglichen Leben, meist völlig unverhofft. Sie sind da, wo Sie und ich jeden Tag entlanglaufen, mitten in der Stadt, mitten unter uns.

Stolpersteine sind da, wo Menschen leben und wo die Opfer, an die gedacht werden soll, gelebt haben. Erinnerung hat auch eine Zukunftsdimension. Erinnerung soll uns wachsam halten, dass Ähnliches nie wieder passiert. Auch deswegen sind wir heute hier.“ Verlegt wurde außerdem ein Stolperstein für Abraham Judka Faymann vor dem Haus an der Straße Hinterm Dahle“ 28 verlegt, für Therese Tannenbaum an der Langen Straße 9, für Anna Hirschfeld an der Langen Straße 48, für Eli Emil Hirschfeld an der Langen Straße 48 und für Martha Weinberg an der Hohen Straße 17.

An jeder Station wurde das Leben der Getöteten geschildert, danach spielte Florian Himpel Stücke auf der Klarinette und dem Saxofon und es wurden Rosen niedergelegt. Ute Müller, die den größten Teil der Recherche zu den Familien ausgeführt hat, fand zum Schluss berührende Worte: „Dies war der letzte Stolperstein, den wir heute im Gedenken an ehemalige Stolzenauer verlegt haben. Es war für heute der letzte, aber es mag sein, dass man im Laufe der Zeit noch mehr herausfindet und dann feststellt, dass es auch noch mehr Menschen gibt, an die mit einem Stolperstein erinnert werden sollte. Wenn man auf eine Frage eine Antwort gefunden hat, stellen sich neue. Wer lange genug sucht, wird finden, was vergessen schien.“

Q.: Die Harke (7.12.2017)

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